Da ich im „Westen“ aufgewachsen bin und zur Zeit des Mauerfalls 4 Jahre alt war, habe ich nie einen großen Bezug zum Osten gehabt und, um ehrlich zu sein, es hat mich nicht die Bohne interessiert. In meiner Schulzeit ist dieses Thema nicht aufgetaucht, oder habe ich ihn einfach (wie so manches) nicht wahrgenommen? Weiss, nicht ich kann mich nicht mehr dran erinnern (und ich befürchte das es etliche gibt denen es ähnlich geht!)
Vor fast fünf Jahren habe ich mich entschieden nach Thürigen zu ziehen. Ich habe mich, ohne wirklich zu wissen was ich da mache, entschieden in den „Osten“ zu ziehen! (Ich wusste nicht was es heisst, dass man als „Wessi in den Osten geht“.) Da ich, wie schon gesagt, keine Ahnung vom „Osten“, dem „Ossi“ oder sonste was hatte, war Thüringen für mich einfach eines der Bundesländer meines Heimatlandes (über das ich aber noch nie wirklich viel gehört habe, ausser die Tragödie in Erfurt). Einfach ein Bundesland in das man ziehen kann um dort zu leben, MIT diesem (Bei-)Geschmack: „In den Osten“.
Erst hier lebend habe ich begonnen mich mit der Thematik Ost-West auseinander zu setzen. Ich habe entdeckt, dass auch ich ein „Ossi-Wessi“ Bild in mir trage. Ich habe gemerkt, dass ich überhaupt keinen Plan habe was für tiefe Ebenen da drinnen stecken. Ich habe entdeckt, dass ich sau gerne hier lebe und mich unglaublich wohl fühle. Soweit gehend, dass ich mich als Thüringer fühle, und ja auch ein Stück Ossi. Nicht ein „ehemaliger-Bewohner-der-DDR“ aber es gibt für mich eine andere „Ossi Ebene“ (Politisch ist diese Terminologie wahrscheinlich eher falsch). Ich würde sie so nennen, dass ich hier begonnen habe meine Wurzeln zu schlagen (das heißt mich in den Boden hinein zu graben). Ich identifiziere mich mit meiner Stadt (Meininen) /meinem Bundesland (Thüringen) und eben mit dieser Region (der ehemalige Osten.) Plötzlich stehe ich nicht als Wessi im Osten sondern, als, wie nennt man das: Ehemaliger Wessi, im ehemaligen Ossi-Gebiet als Gegenwarts-Ossi, oder so! Auf alle Fälle lebe ich (mit Herz und Niere) hier und bin also „drüben“.
Zudem ist mir jedoch sehr klar geworden, dass ich sehr wenig Ahnung über die Vergangenheit „meines Landstreifens habe“. Wie war es hier zu leben? Wie war das Leben hier? Was gab es, dass ich heute missen würde? Ich habe begonnen mich in den letzten Jahren/Monaten auf die Reise zu machen (evtl. allem voran mit meinem Herzen). Auf die Reise in die Vergangenheit des „ehemaligen Ostens“ & somit natürlich auch Westen (Deutschland). Vieles trifft mich und schmerzt. Es schmerzt mich zu sehen, wie meine „West-Landsleute“ mit diesem Teil des Landes umgehen. Es schmerzt mich wie die letzten zwanzig Jahre gelebt worden sind. Und es schmerzt mich ebenfalls zu realisieren, was hier wirklich passiert ist. Ein Land wurde geteilt (schier unglaublich). Freiheit wurde beraubt und zwei verschiedene Zweige haben sich aus einem Baumstamm entwickelt, die eben eigenständig geworden sind und nicht einfach „eins sind“. Ja sie sind evtl. zusammengeschnürt worden. Aber eben von aussen geschnürt. Zwei Teile die (hoffentlich) noch nicht verwachsen sind. Äusserlich ja (für mich war Deutschland immer Deutschland, ohne West und Ost, und doch war es Deutschland mit Ost und West), aber auf diesem „Band“ ist Spannung. Wenn man das durchschneiden würde, dann gäbe das eine krasse Reaktion (Physik)!!
Ich wünsche mir auf alle Fälle, dass aus meinem Land ein Land wird, wo noch einiges an Heilung passiert. Hierbei geht es für mich um Identität, um eine Wertschätzung der anderen Hälfte, um ein betrachten der Stärken-Schwächen (von BEIDEN), um eine gemeinsame (partnerschaftliche) Ausrichtung (evtl. eine neue Verfassung????!!!!)
Derzeit lese ich ein sehr geniales Buch „Abbau-Ost“ von Olaf Baale. In Zukunft wird es immer wieder Gedanken von mir zu diesem Thema geben. Es ist eine Thematik die mich unglaublich bewegt und die mir wichtig ist. Warum? Weil es etwas mit meinem Sein zu tun hat. Mit dem wer ich bin und mit dem wo ich hingehen möchte! Ich möchte verstehen wie in meinem Land gelebt wurde UND ich muss auch wieder neu lernen wie der Westen lebt (für mich immerwieder komisch „drüben zu sein“ und dann sehne ich mich nach meinem, ja, dem „Osten“!!).