Ein Beamter schläft auf dem Schreibtisch. Sein Kollege klopft an kommt rein und fragt: „Kommst du mit, Mittagspause“. — „Nee, ich mache durch“!!!
Hierzu ein Zitat (derzeit mein Studienbuch) von Olaf Baale, Abbau Ost: „Der Hang zur Bürokratie ist nichts typisch Deutsches, sondern eine durch den Beamtenstatus ausgelöste gesellschaftliche Fehlentwicklung.“
Treffen sich zwei Beamte auf dem Gang, sagt der eine zum anderen: „Kannste auch nicht schlafen?!“
Und ein weiteres Zitat von Baale: „Ostdeutschland erlebte in den viereinhalb Jahrzehnten, da es dem Einfluss des deutschen Berufsbeamtentums entzogen war, eine Blütezeit der Entbürokratisierung.“
In diesem Sinne …
Ostdeutschland erlebte eine Endbürokratisierung?
Betrachtet man das Bürokratentum als Menschen, die um die Bedürfnisse der Menschen kümmern (sollten), mag diese These stimmen.
Doch nennt man die „Maschine DDR“ entbürokratisiert, dann wird übersehen, das wie petantisch, papierintensiv und strukturiert das System war.
FDGB Marken, SERO-Bons, VISA, Vorformulare für das VISUM, Stundenabrechnung via Lochstreifen(natürlich auch deren Auswertung), Pioniergebote, Transferrichtlinienen zwischen Dörfern( grenznah – Inland), Transit, Telefonanträge etc.
Ich lege hiermit keinen Wert auf VOllständigkeit, aber aus eigener Erfahrung muss ich dem Zitat widersprechen.
DO.DO.one
Hallo,
Bürokratie aus der Sicht des Einzelnen: Jeder, der in der DDR lebte, möge seinen damaligen bürokratischen Aufwand mit dem heutigen vergleichen. Ich sage nur: Leitz-Ordner! Da müssen wir noch nicht mal über das Finanzamt reden. Nehmen wir nur mal das berühmte grüne SV-Buch aus DDR-Zeiten und eine unvergleichliche Behörde wie die Deutsche Rentenversicherung, und schon wird klar, was Olaf Baale mit Entbürokratisierung meinte – jedenfalls nicht das Kleben von FDGB-Marken und auch keine SERO-Bons.
Beste Grüße von
Simplizissimus
Hallo Simplizissimus
Vielen Dank für Ihre Perspektive und Kommentar. Da ich selbst nicht in der DDR groß geworden bin, habe ich vieles nicht „erlebt“ und deshalb fällt es mir schwer hier Dinge „nachzu-vollziehen/erleben“.
Es ist mir eine große Hilfe hier persönliche Aspekte mitzubekommen, wie die Bürokratie wahrgenommen wurde.
Mich würde in all dem stark interessieren, wie Sie z.B. das Thema Reisen beschreiben würden?? So weit mir bekannt musste man sämtliche Reisen (zumindest in Meiningen) anmelden und wurde ständig kontrolliert usw.!
Hi Domedoomone
Vielen Dank für deinen post. Genau diese Frage hatte ich auch? Beim lesen hörte es sich ziemlich unrealistisch an, dass die DDR so unbürokratisch sein soll?! Ich habe auch immer nur von VISA, Anträgen … usw. gehört. Deshalb sehr schön, dass von dir nochmal zu lesen/bestätigt zu bekommen.
Das ist für mich ein sehr großes Problem bei Baale. Er schreibt sehr aus der (Enttäuschung/Wut/Verletzung) und schreibt eben nur, das die BRD „so bürokratisch“ ist und die DDR nicht. (Was das konkret heißt, schreibt er leider nicht.)
Deshalb nochmal vielen Dank für deinen Blick. Sehr wichtig für mich, da ich selbst nicht beide „Systeme“ erlebt habe.
Es erscheint mir als ein ungeheuer imposantes Recherchethema, dem du dich da angenommen hast.
Meiner Entsprechung, die eher pragmatisch als theoretisch ist, ließe sich hier eine Dissertation entwickeln.
Sollte dies dein anliegen sein, so empfehle ich, Interviewpartner finden, Zeitzeugen aus beiden Teilen des Landes, Betroffene ( Ausführende wie Bearbeiter ), alle Bereiche des Lebens zu durchleuchten (Kultur, Ökonomie, Ökologie, Militär, Politik, Gesundheitswesen, Ethnografie).
Ich weiss das ist viel, doch für eine präzise Auseinandersetzung mit diesem Thema sind das ja auch nur basische Aspekte.
Falls du keinerlei wissenschaftliche Ziele damit verfolgst, finde ich deine Interesse umso erstaunlicher, denn den Passus „Bürokratie“ haben nicht viele in der Ost-West Diskussion auf dem Schirm.
Einen schönen Abend noch und viele Grüße an deine Frau, auch von meiner gesamten Familie.
Do.Do.ONE
Hi
Das Thema „Bürokratie/Beamtenstaat“ ist auf keinen Fall Mein Thema. Ich habe es (in meiner Betrachtung der Ost-West Thematik) gestreift und möchte hier mehr und mehr „Land gewinnen“. Aber, wie du auch schon sagtest, vom Umfang her ist das ein Gigant. Evtl. werde ich durch die Bearbeitung der anderen Themen da Erkenntnisse gewinnen, aber nur dem Thema „Bürokratie“ möchte und werde ich mich nicht widmen.
Hallo Nikolai,
zu DDR-Zeiten wurde viel gereist – ich persönlich bin allerdings nie über den Eisernen Vorhang hinausgekommen. Beginnend in den 80er Jahren wurden „Westreisen“ deutlich lockerer gehandhabt. Hunderttausende bekamen jährlich die Genehmigung. Und allein im 1. Halbjahr 1989 wurden 45.000 Ausreiseanträge genehmigt. (Da kommt natürlich die Frage auf, warum dann weitere Zehntausende hysterisch Botschaften besetzt haben und bei Nacht und Nebel über die Grenze gerannt sind?)
Und da sind wir dann wieder mitten im Kalten Krieg, bei psychologischer Kriegsführung, bei NATO und den geopolitischen Strategien der Vereinigten Staaten.
Ok, lassen wir das. Aber wie kommt jemand wie du in ein wirtschaftliches Notstandsgebiet?
Viele Grüße
Simplizissimus
Hallo Simplizissimus
Ich sehe in der „hysterischen“ Flucht, ein sehr klares Feedback an die Regierung. Genauso wie in den „plötzlich“ auftauchenden, massen-Montagsdemonstrationen. Hier sehe ich mehr als eine „psychologische Kriegsführung“! Menschen haben begonnen aus dem „braven“ auszusteigen und plötzlich laut nach „Freiheit“ zu schreien. Zum Thema Ausreiseantrag: Hier wäre für mich interessant zu wissen, wie lange die jeweiligen Antragsteller auf die Genehmigung gewartet haben? Das, meines wissens, war ja nicht ein Ding von heut-auf-morgen!?
Wie jemand wie ich in ein wirtschaftliches Notstandsgebiet kommt? Aus freien Stücken. Ich habe mich vor fünf Jahren entschieden in Meiningen zu leben. Und ich genieße es sehr! Ich möchte meine Region eher als ein Potenzial-gebiet als ein Notstandsgebiet sehen, auch wenn ich, da gebe ich Ihnen Recht, hier sehr viel Not sehe. Dennoch sehe ich Hoffnung/Perspektive für unsere Region (Ostdeutschland) und ich hoffe, dass sich hier noch einiges zum Guten wenden wird!
Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit.
Es mag sein, dass der eine oder andere in den nächsten Jahrzehnten in Ostdeutschland sein Glück machen wird. Und es mag auch sein, dass hier Hunderttausende, wenn nicht Millionen glücklich leben werden, aber eine gesamtgesellschaftliche Perspektive – so sehr es mich persönlich auch deprimiert – gibt es nicht. Wir begleiten hier das größte Renaturierungsvorhaben der Menschheitsgesichte. Die Situation erinnert an einen dieser amerikanischen Kriegsfilme. Der Soldat, tödlich getroffen, liegt am Boden. Sein Kamerad beugt sich über ihn und ruft seinen Namen. Der öffnet die Augen und sagt mit leiser Stimme: „Ich spüre meine Beine nicht mehr.“ „Halt durch“, sagt der Kamerad, Tränen in den Augen, „alles wird gut. Bald werden wir am Strand spazieren gehen, so wie du es dir immer gewünscht hast.“
Hallo Simplizissismus
Ich kann total mit Ihnen „mitgehen“, denn wenn man in „den Osten“ blickt, dann ist das nicht wirklich ein wohltuender Anblick. Dennoch frage ich mich, wie wir aus dem Osten wirklich „eine blühende Landschaft“ machen können, die noch dazu bevölkert ist!? Mich trifft es sehr, dass viele Menschen die Perspektive bereits abgeschrieben haben. Zwanzig Jahre nach der Wende haben sehr viele, zunächst anders gestartet (Olaf Baale schreibt hier: Viele Menschen sind mit viel Elan/Mut/Motivation aufgebrochen und wurden bitter enttäuscht. Dem gebe ich sehr recht.) , aufgegeben. Sie haben sich zurückgezogen. Sie schreien nach Veränderun aber, meiner Meinung nach, im Stile der alten Zeiten: „Es muss etwas (von Oben) gemacht werden.“
Ich persönlich bin überzeugt, dass etwas passieren muss. Ich bin überzeugt, dass viel Unrecht passiert und „unsere Region“ tief verletzt worden ist. Aber und da gebe ich Markus Recht, wie gehen wir weiter? Ich glaube wir brauchen, wenn auch kleine, Schritte hinaus aus der Perspektivlosigkeit und rein in die Zukunft. Das muss „aus uns“ heraus passieren. Wie sehen diese Schritte aus, das ist meine Frage?
@simplizissimus: ich glaube, dass es gut und richtig ist, sich schonungslos den Fakten zu stellen. Aber was dann? Wer hat etwas davon, sich in seinem Leid zu suhlen, oder wie es Baale tut, sich tiefer in die Depression zu schreiben. Ich glaube, dass wir große Verantwortung dafür, was wir von uns geben. Gibt es Menschen eine Perpektive oder reissen wir dadurch jedes kleine Pflänzchen aus? „problem talks creates Problems, Solution talks creates solutions“ – verstehen Sie was ich meine?
Hallo Markus,
deine Sichtweise erinnert mich an eine Textzeile von Reinhard Lakomy, der zu DDR-Zeiten am Ende eines freundlich obrigkeitskritischen Textes sang: „Da seht ihr, ich mecker’ nicht nur, wenn ich was sag’, ich mach’ immer gleich noch ‘nen Verbesserungsvorschlag.“
In Ostdeutschland werden jeden Tag zahllose finanziell bedeutsame Entscheidungen getroffen, und da geht es nicht nur um öffentliches – oder besser um Steuergeld, sondern auch um privates, hinter dem immer auch menschliche Schicksale stehen. (Wo verbringe ich meinen Lebensabend, wo soll ich mein Haus bauen, wo soll ich in ein Gewerbe investieren und mir eine Existenz schaffen…?) Ich selbst bin Optimist und gehe davon aus, dass ich zur Mitte des Jahrhunderts, wenn die Prognosen eingetroffen sein werden, meinen 90. Geburtstag feiere. Doch bei allem Optimismus musst du mir mal erklären, wie für den Osten eine Perspektive gefunden werden soll, solange sich die Menschen selbst belügen und die Tatsachen nicht auf den Tisch kommen?
Welche Tatsachen meinen Sie (@Simplizissmus)?
Jene das wir eine Sprache sprechen oder jene das 40 Jahre unterschiedliche Systeme zu unterschiedlichsten Konditionierungen führten?
Oder jene Tatsache, das die “ Wende“ in eine Zeit viel die weitaus epochaler war, als nur die Zusammenkunft von Ost – und Westdeutschen?
Global ist genau in den Jahren 86 bis 91 soviel passiert, das wir heutzutage immernoch daran arbeiten die Veränderungen in unseren Alltag zu integrieren.
Wir sind momentan auf einem Wellenberg und werden immer weiter abgetrieben.
Entweder wir (@Menschheit) besinnen uns endlich wieder auf wesentliche Bestandteile des Lebens, dies würde eine Freiheit des Erfahrbaren ergeben, oder wir ergeben uns der Freiheit der Erfahrbaren.
Do.Do.ONE
Diese kleine Introspektion geht an unseren Philosophen „domedoomone“ und die „Freiheit des Erfahrbaren“ – diese Freiheit nehm’ ich mir. Mit Tatsachen sind unter anderem die nicht mehr aufzuhaltenden und schon gar nicht umzukehrenden demographischen Entwicklungen gemeint. Und die 100.000 Unternehmen, die im Osten fehlen. Und das SAGENHAFTE Leistungsbilanzdefizit gegenüber Westdeutschland von 45 Prozent. Gemeint sind die Entmündigung und Diskriminierung der ostdeutschen Bevölkerung, unter anderem die Tatsache, dass das Alterseinkommen im Osten lebender Rentner und 30 bis 60 Prozent des Alterseinkommens im Westen lebender Ruheständler erreicht – bei vergleichbarer Erwerbsbiographie. Und… und… und…
Wir können aber gern die globalen Glocken einläuten und in jene Zeit Anfang der 90er Jahre zurückgehen, als rund 100 Staaten (25 allein in Osteuropa) jenen von Washington aus forcierten Schwellenzustand („liminal moment“, wie das im US-Ministerium für Demokratieförderung genannt wird) erreichten und die auf von Mises, Hayeck und Milton Friedmann zurückgehende Chicagoer Schule (nur freie Märkte garantieren persönliche Freiheit) die Welt eroberte. Besonders interessant ist dabei, wie sich „Amerika’s Germany“ den deutschen Osten in kannibalistischer Art und Weise aneignete und solange aus den Fleischtöpfen fraß, bis den Beteiligten übel wurde und sie sich übergeben mussten. (Die haben hier im Osten wirklich alles vollgekotzt.)
Seit Fräulein Roche darf man so was schreiben. Ich biete aber dennoch die gesittete Version an, ein Zitat von Henning Voscherau: „Ich kenne kein Volk, das so enteignet wurde wie das ostdeutsche.“
Lieber Simplizissimus,
da freue ich mich, dass Du Optimist bist. Von diesem möchte ich gerne an dieser Stelle mehr davon spüren. Also ich verstehe die Analyse: Alles ist scheiße, alles kaputt, es gibt viele Schuldige und noch mehr Opfer und alle im Osten und im Westen lügen sich in die Tasche.
Okay und wie geht es jetzt weiter? Was ist der nächste Schritt?
Ich freue mich, wenn Du da konkreter werden würdest.
Mir ist nicht klar, was das jetzt soll? Ich trage keine Regierungsverantwortung, bin in keiner Regierungskommission, besitze keinerlei Kompetenzen, um etwas zu verändern. Alles, was ich habe, ist meine Wählerstimme. Welche politische Kraft hat die Lage analysiert und bietet eine Perspektive für Ostdeutschland? Für diese politische Kraft würde ich sofort in den Wahlkampf ziehen.
Es gibt eine Hand voll Bürger (da bin ich dabei), die interessiert sind an ihrem gesellschaftlichen Umfeld, die – weil sie interessiert sind – die Probleme kennen, und etwas zum Guten wenden möchten. Es ist schwer, wenn nicht unmöglich, sich Gehör zu verschaffen.
Wir wissen, dass Ostdeutschland von den politisch Verantwortlichen aufgegeben wurde. Die Debatten in Regierungskreisen drehen sich offenbar nur noch um Fragen wie beispielsweise: Könnten soziale Unruhen entstehen, wie kann der „Rückbau“ organisiert werden und ist das überhaupt bezahlbar, könnte sich die Situation im Osten destabilisierend auf Deutschland als Ganzes auswirken…?
Ich kann nicht beurteilen, ob diese Herangehensweise rational vertretbar ist. Möglicherweise sind die Verantwortungsträger mit dem Problem überfordert. Sicher scheint zumindest, dass Ostdeutschland in seiner Gesamtheit nicht mehr zu retten ist. Man kann sich nur noch auf Schwerpunkte konzentrieren, das wären im Wesentlichen Dresden und Leipzig, Gera, Jena, Erfurt und Eisenach, der Großraum Berlin und Rostock. Der Rest lohnt keine besondere Förderung und müsste, wie vom Demographischen Institut Berlin gefordert, auf eine „Notversorgung“ umgestellt werden.
Was aber die künftigen „Wirtschaftszentren“ betrifft, so steht fest, dass der freie Markt dort nichts richten wird und sich der Staat ins Zeug legen muss. Und so etwas funktioniert nicht mit altbundesdeutschen Gesetzen und Bestimmungen.
Ich glaube auch nicht, dass wir Antworten und Hilfen bei der Politik suchen sollten – also zumindest nicht mithilfe unserer Wählerstimmen. Da sind wir m. E. doch an einem Punkt angelangt, dass sich die Demokratie, wie wir sie momentan haben verbraucht ist, bzw. in sich selbst geschlossen ist.
Andererseits muss Politik letztlich immer irgendwann die Fahne in den Wind stecken. Meine Frage ist, was können wir dafür tun, um den Wind zu drehen? Ich glaube, dass das eine schwierige Frage ist. Was passiert, wenn sich positive Kräfte sammeln und zunehmend konstrutiv laut werden? Ich wünschte mir ein inneres Bild darüber, wie der Osten seine Potenziale entwickeln kann – oder wir machen den Laden zu und machen ein schönes Naturschutzgebiet draus.
Das Problem ist so groß, dass es nur der Staat anpacken kann. Hier und da ein paar kleine Initiativen würden verpuffen. Zunächst muss Aufklärung betrieben werden, dass heißt, Ostdeutschland muss seine sich vom Westen deutlich unterscheidende Interessenlage artikulieren. Das heißt auch, die wirklichen Hintergründe (und nicht die Friedliche-Revolution-Behelfsgeschichte) müssen offen gelegt und die georassistischen, während des Kalten Krieges entstandenen Denkmuster eines Großteils der westdeutschen Bevölkerung müssen entlarvt und angeprangert werden. Auf diese Weise könnten sich die Voraussetzungen für eine gesamtgesellschaftliche Kraftanstrengung schaffen lassen.
Da wären wir also bei der ersten Hürde: die gesamte Medienlandschaft wird durch den Westen kontrolliert. Wie also soll sich der Osten Gehör verschaffen?
Jetzt macht ihr mal einen Vorschlag.
Auch ich möchte mich wieder in diese, für mich sehr inspirierende und befruchtende, Runde einklinken.
Eine sehr gute und berechtigte Frage: Wie kann sich der Osten Gehör verschaffen? Leider weiß ich keine Antwort.
Mich hat der Film „Neuland“ sehr inspiriert. Menschen beginnen in unserer Region Dinge zu drehen, wenn auch wirklich klein und unscheinbar, aber sie drehen etwas.
Ein konkreter Vorschlag/Wunsch von mir: Ich wünsche mir, dass die Stärken/Erfahrungen/Weisheiten der Ostdeutschen sich bündeln und Menschen beginnen, wie schon erwähnt, Neuland betreten (Ich glaube nicht, dass da schon so viel passiert ist.) Ich persönlich sehe keine Perspektive darin, dass sich beim Westen groß etwas dreht. Ich glaube, dass sich bei uns etwas drehen muss und ich glaube, dass wir (hoffentlich) dadurch eine Stimme werden für die Zukunft! In dem glaube ich, dass es für uns sehr wichtig ist, dass sich Menschen ihren Veletzungen/Enttäschungen (aus der Wende) stellen und wieder Perspektive bekommen.
(Ich weiß, dass das unglaublich ideologisch und unrealistisch klinkt. Mir ist sehr klar, dass für eine Perspektive: Wirtschaft eine sehr große Rolle spielt und da habe ich keine Lösung. Ich muss gestehen, dass mir auf der „politischen“ Ebene jegliches Wissen für die „große Marschrichtungs-änderung“ fehlt. Aber ich möchte in Richtung Neuland unterwegs sein. Das ist mein persönlicher Vorschlag und da hoffe ich, dass sich mehr und mehr Menschen ebenfalls auf den Weg machen!) …
Jetzt stehen wir an einem interessanten Punkt. Wir können in den Gedanken und Appellen verharren und darauf warten, dass wir irgendwann wieder einmal wie hier ein bisschen diskutieren.
In welcher Hand die Medien sind, dürfte im Web 2.0-Zeitalter nicht das alleinige Argument sein.
Ich würde gerne an dieser Stelle konkret werden. Lasst uns mal einen Workshop/Barcamp/OpenSpace oder so was in diese Richtung organisieren, und wir versuchen dort Vordenker, Mitdenker, Visionäre usw. zusammen zu bringen, die sich mit dem Zustand des Ostens nicht einfach abfinden wollen (und ich sage das vor dem Hintergrund, dass ich gerade nicht das GEfühl habe, Zeit für so etwas zu haben, aber womöglich ist jetzt die ZEIT dafür gekommen)
Was denkt ihr?
Einen für ostdeutsche Interessen einstehenden, ostländer-übergreifenden Internetauftritt (die Situation ist in allen Ostländern ähnlich übel) halte ich für eine gute Sache. Das wäre ein Anfang! Es könnte ein mit der Internetseite in Zusammenhang (Namengleichheit) stehender Verein für Spenden, die Bewirtschaftung der Seiten und Diskussionsforen gegründet werden. Aktuelle Beiträge zeigen Probleme und Befindlichkeiten auf und werden mit ständig abrufbaren Infoseiten verlinkt (z.B. Fakten über die demographische Entwicklung, Bilanz der Wirtschaftsentwicklung seit der Wende, Fakten über Transferleistungen…)
Erinnert sich jemand an das Gerangel zwischen Tiefensee („Die Politik gibt keine Räume auf.“) und Klingholz (Notversorgung für Ostdeutschland), dem Chef des Demographischen Instituts Berlin? Ich kann mir gut vorstellen, wie eine ostdeutsche Interessen wahrnehmende Reaktion auf diese Auseinandersetzung ausgesehen hätte…
[...] Nikolai läuft auch gerade eine interessante Diskussion, auf die ich noch unbedingt hinweisen [...]
Perspektive – dies erscheint mir das rechte Wort zu sein, welches den Zustand beschreibt der angestrebt werden muss.
Meiner einer erlebte den Staat DDR, in seiner absoluten Form, dies schließt Positives wie Negatives ein.
Andererseits lebe ich nunmehr seit einigen Jahren in Hessen, werde allerdings in naher Zukunft zurückkehren und genau unter diesen Aspekt ist folgende Erkenntnis gekommen.
Die Perspektive ( Markus wird mir hierbei zustimmen) – ist eine Frage des Standortes.
Nun können und sollen nicht alle Menschen den „Osten“ verlassen nur um eine eventuelle Perspektive für ihre Region, ihr Land zu sehen.
Der „Westen“ wird sich ändern, das denke ich schon, politisch, demographisch und infrastrukturell.
Wäre dem nicht so, würden wir zum Beispiel das politische Ränkespiel momentan nicht erleben.
Das angestrebte Forum werde ich gerne unterstützen.
Und ja die Tiefenseedebatte ist noch gut in den Ohren (leider).
Do.Do.ONE
Also dann würde ich vorschlagen, das virtuelle Gespräch an dieser Stelle zu beenden und die richtigen Leute an einen Tisch bringen, oder?
Hallo,
euer Einstand liest sich leicht und locker – ich persönlich wünsche mir etwas mehr Lockerheit und arbeite daran (mit einem Glas Cru Bourgeois). Spontanität ist etwas Wunderbares, doch bevor die richtigen Leute an einen Tisch kommen (oder zunächst mal miteinander skypen), sollte klar sein, worum es hier geht und welche Tragweite – wenn es denn funktioniert – das Unternehmen erreichen könnte.
Wir bauen auf etwas, was es im Osten nicht gibt, ich nenne es: Bürgergesellschaft.
Die Adressaten sind die politischen Entscheidungsträger (Persönlichkeiten, die hier im Osten ihre Wähler eiskalt abkochen, es sind Strolche oder Menschen, die sich selbst belügen, eingekreist von westdeutsch sozialisierten Beamten, die ihren Wohnsitz zumeist nur vorübergehend in Ostdeutschland haben).
Obwohl wir das Establishment bedrängen, sind wir stets überparteilich und lassen uns NIEMALS in das vom Kalten Krieg verätzte Rechts-Links-Schema pressen.
Uns ist bewusst, dass – sollte es funktionieren – die unter dem Kürzel BND firmierende Pullacher Außenstelle der CIA aufmerksam wird.
Es muss die – ich nenne es mal – Logistik geschaffen und mit Inhalten gefüllt werden, und es müssen Diskussionsforen betreut werden. Geradezu ideal wäre ein aus Spenden finanziertes Hauptstadtbüro. Zur Logistik rechne ich eine Datenbank für ein ostdeutsches Netzwerk. Überall dallern kleine Initiativen herum: es geht um Rentenbetrug (ostdeutsche Rentner bekommen nur 30 bis 60 Prozent des im Westen üblichen Alterseinkommens – bei vergleichbarer Erwerbsbiographie), es geht um die hochaktuelle Gefährdung ostdeutschen Kleineigentums (Garagen, Kleingärten, Datschengrundstücke) und den auf Hochtouren laufenden Ausverkauf ostdeutschen Gemeindeeigentums (Wälder und Seen), es geht um die Diskriminierung früherer Stasimitarbeiter, es geht um den kostspieligen Anschlusszwang an die öffentliche (und möglicherweise perspektivisch privatisiere) Abwasserentsorgung, und, und , und… Wenn das alles in einen kommunikativen Rahmen gebracht werden könnte und die Menschen voneinander erfahren und sich nicht mehr so allein fühlen, wäre das allein schon eine gute Sache.
Es gibt noch eine Menge zu sagen (meine Flasche ist nicht halbvoll, sondern leer). Ich denke, dass Ostdeutschland nicht an den wirtschaftlichen Problemen zugrunde gehen wird, sondern daran, dass die Menschen nicht für ihr Lebensumfeld einstehen und quasi noch immer gezeichnet und verängstigt vom Nachwende-Deindustriealisierungs- und Entmündigungsschock nur noch sich selbst und bestenfalls die Familie im Blick haben.
Zum Schluss noch ein kleines Beaumont.
Frage: Möchten Sie die DDR wiederhaben?
Antwort: Gut, das Sie das ansprechen. Ich lege großen Wert darauf. Allerdings müssen bei der Rückübertragung die bewährten Treuhandgesetze Gültigkeit behalten und die ostdeutsche Bevölkerung für den Produktionsausfall der letzten 20 Jahre entschädigt werden.
Hallo Simplizissimus
Wenn ich so Ihre Worte lese, dann beschleicht mich auch das Gefühl, dass „unsere Region“ an den eigenen Leuten zugrunde geht!
Ich persönlich glaube nicht an eine Top-Down Veränderung. Ich setze nicht auf eine „Institution“, die wachrütteln wird und Veränderung bringt. Ich wünsche mir, dass Menschen sich begegnen sich aufmachen und beginnen etwas zu verändern. In dem, da gebe ich Ihnen recht, können sie sich ermutigen. Aber Entmündigung (welche ja schon lange lange Zeit besteht) durch eine Institution zu „bekämpfen“, hört sich für mich nicht schlüssig an.
„Möchten Sie die DDR wiederhaben?“: Echt lustig, und für mich beschämend, wie falsch ich Sie eingeschätzt habe. Ich persönlich bin übrigens dafür, dass wir uns die vielen hundert Industrieanlagen aus Russland wieder holen & einen Produktions-schadensersatz für die letzten 60 Jahre einfordern. Zu Not können wir ja drum kämpfen. Denn: Nur so kann wahre Vergangenheits-aufarbeitung stattfinden und eine Region wie „unsere“ Heilung erfahren.
Ich persönlich wünsche mir positive Stimmen und Kräfte/Taten in unserer Region. Nur so können wir der Zukunft begegnen und Neuland entdecken.
Lieber Nikolai,
es wird Zeit, dass ich mich verabschiede. Du hast deine Meinung gesagt, ich habe meine Meinung gesagt: das war ein gutes Gespräch.
Anbei noch ein kurzer Auszug aus einer aktuellen Wirtschaftsanalyse. Busch/Kühn/Steinitz: Entwicklung und Schrumpfung in Ostdeutschland: Aktuelle Probleme im 20. Jahr der Einheit: „In den meisten Berichten und Vorschlägen zur ostdeutschen Entwicklung bleibt die Akteursproblematik unterbelichtet. Die Regierungsparteien beschränken sich im Wesentlichen auf Appelle an die Menschen in den neuen Bundesländern, stolz auf das Erreichte zu sein und angesichts noch bestehender Probleme nicht zu resignieren, sondern zuversichtlich und optimistisch an die Bewältigung der Zukunft heranzugehen. Es wird aber meist darauf verzichtet, die Faktoren, Zusammenhänge und Prozesse zu analysieren, die Einfluss auf die Akteure haben, und Vorschläge auszuarbeiten, wie die Potenziale der Akteure wirksamer zur Lösung der vor uns liegenden Herausforderungen und zur Gestaltung der
Zukunft genutzt werden können. Entscheidend ist, dass ein höherer Druck auf die für die Politik Verantwortlichen ausgeübt wird, damit die notwendigen Veränderungen in den wirtschaftlichen und finanziellen Rahmenbedingungen sowie in der Wirtschaftspolitik vorgenommen werden. Der gesellschaftliche Druck ist maßgeblich davon abhängig, inwieweit es gelingt, größere Teile der in Ostdeutschland Lebenden in die politischen und sozialen Auseinandersetzungen um die Durchsetzung ihrer Interessen und Forderungen aktiv einzubeziehen und den
politischen Einfluss alternativer Kräfte zu erhöhen.“
@ Simplizissimus
Auch ich bedanke mich für das Gespräch. Freundlicher Gruß.
Ich denke, es hätte mehr draus werden können. Aber ich denke der Rückgriff auf Altes, reicht nicht, um Neues zu erreichen und zu leben.
Den Austausch fand ich zeitweise belebend, vom Ergebnis bin ich enttäuscht. Von dem her waren wir in etwa so gut, wie die Politiker auch.
Wenn jemand daran interessiert ist, ergebnisoffen über die Zukunft des Osten zu diskutieren und auch daraus politisch wirksame Instrumente zu entwickeln. Kann sich gerne an mich persönlich wenden.
Hallo Markus,
wie könntest du dich denn einbringen? Programmieren? Diskussionsforen betreuen? Autorenbeiträge?
Wie gesagt, es geht darum „größere Teile der in Ostdeutschland Lebenden in die politischen und sozialen Auseinandersetzungen um die Durchsetzung ihrer Interessen und Forderungen aktiv einzubeziehen und den politischen Einfluss alternativer Kräfte zu erhöhen.“
Meine Herangehensweise wäre:
1. geeignete Menschen sammeln.
2. gemeinsame Basis herausarbeiten.
3. sinnvolle Schritte überlegen.
4. geeignete Mitstreiter finden.
5. geeignete Schritte umsetzen.
Meinen Beitrag würde ich momentan in den Schritten 1 – 4 sehen.
Wie sieht es mit dir aus?
Hallo Marcus,
schön, dass du etwas unternehmen möchtest. Einen ganz so langen Anlauf möchte ich nicht mehr nehmen. Wir hoffen, dass am 3. Okt. ein Internetporpal online geht, dass sich der Vertretung ostdeutscher Interessen verschrieben hat. Wenn du also geeignete Menschen sammeln könntest – es geht um Symphatisanten und Leute, die an dem Portal mitwirken. Melde dich bitte, wenn du etwas erreicht hast.
Die Zukunft Ostdeutschlands hängt davon ab, „inwieweit es gelingt, größere Teile der in Ostdeutschland Lebenden in die politischen und sozialen Auseinandersetzungen um die Durchsetzung ihrer Interessen und Forderungen aktiv einzubeziehen und den politischen Einfluss alternativer Kräfte zu erhöhen“.
Simplizissimus, das freut mich ehrlich sehr, dass du da schon aktiv bist! Könntest Du den Link dann hier hinterlassen, damit ich von diesem Projekt dann zeitnah erfahre.
Dürfen da auch Menschen mitmachen, die im Westen aufgewachsen sind?
Wenn es so weit ist, stelle ich den Link auf diese Seite.
In den letzten 20 Jahren sind weit über 2 Millionen Menschen aus dem Westen in den Osten gegangen, und noch mehr haben Immobilien gekauft und sich an Steuersparmodellen beteiligt – in der Hoffnung, dass sie ihr Geld im Osten gut anlegen. Ich prophezeie mal, dass im Zuge des bevorstehenden großen Ost-Immobilien-Ausverkaufs weitere Zehn- oder Hunderttausende auf vermeintlich günstige Angebote hereinfallen werden. So oder so, die alte Bundesrepublik hat nicht nur Verantwortung auf sich geladen, der Westen hängt hier voll mit drin. Wie also kommst du darauf, dass im Westen Aufgewachsene nicht willkommen sein könnten? Ganz im Gegenteil.
Wollte nur mal kurz sehen was es bei Niko Neues auf dem Blog gibt und hab nun tatsächlich eine halbe Stunde lang diesen gesamten Diskussionsverlauf durchgelesen. Ich möchte mich hier nicht zum Thema äußern, sondern nur kurz sagen: Ich fand/finde diese Auseinandersetzung sehr spannend und interessant. Ich warte ebenfalls auf den Link zu der Internetseite die entstehen soll.
Gruß aus Baden-Württemberg von einem Urschwaben.
Hi Martin
Sehr schön das es dir gefallen hat und danke, dass du dir die Zeit für das Thema genommen hast!